Wie kann Recht ohne ein Monopol produziert werden?

Nehmen wir einmal an, Sie spazieren eines schönen Tages auf ihrem Lieblingsweg und beobachten plötzlich, wie ein junger Mann, einer Frau die Handtasche aus der Hand reißt und wegrennt. Was würden Sie dabei wohl denken bzw. wie würden Sie reagieren? Sie würden dies wahrscheinlich für Unrecht halten und würden vielleicht sogar versuchen etwas gegen dieses Unrecht zu unternehmen.

Aber warum empfinden Sie das Gesehene als Unrecht? Vielleicht weil der Staat es verboten hat? Es gibt in unserem Staat mit Sicherheit irgendeinen Paragraphen, der das Verhalten dieses Mannes für illegal erklärt. Aber wäre dieser Paragraph wirklich die Grundlage ihres Denkens und Handelns in diesem Moment? Denken sie wirklich „das verstößt aber gegen Paragraph XY“? Wohl kaum. Sie empfinden dies einfach als Unrecht, unabhängig davon, ob ihnen dabei irgendeine staatliche Institution Recht gibt oder nicht.

Wenn Sie nun noch etwas genauer hingeschaut hätten, dann hätten Sie festgestellt, dass Sie da nicht der oder die Einzige sind. Zumindest, der Frau selbst hätte man wahrscheinlich ansehen können, dass sie mit dem ganzen Vorgang nicht einverstanden ist. Sollten sich noch andere Beobachter an dem Ort befunden haben, so wäre vermutlich auch diesen, zumindest Größtenteils anzumerken, dass sie dieses Ereignis verurteilen. Und das obwohl höchst wahrscheinlich keiner von ihnen den konkreten Paragraphen zitieren könnte, der dieses Verbrechen in unserem staatlichen Rechtssystem für illegal erklärt.

Was lernen wir daraus? Wir lernen daraus, dass Recht nicht unbedingt staatlich ist. D.h. auch ohne, dass der Staat irgendwelche Rechte definiert, gibt es in der Bevölkerung offensichtlich so etwas wie ein Rechtsempfinden. Dieses Rechtsempfinden variiert sicherlich von Gesellschaft zu Gesellschaft, aber es gibt in allen Gesellschaften ähnliche Rechtsvorstellungen (wie z.B. einen Eigentumsbegriff) der sich im laufe der Zeit durchgesetzt hat. Dieses Recht ist also nicht willkürlich.

Was hat das mit Anarchie zu tun? Denn selbst wenn 90% der Menschen sich friedlich verhalten, gibt es ja offensichtlich einen kleinen Rest, der sich nicht an dieses Recht hält und den man disziplinieren muss. Wenn also kein Staat existiert, der dies tut, wer dann?

Um diese Fragen zu beantworten, will ich ein wenig ausholen. Nehmen wir mal etwas anderes, was in der Bevölkerung weit verbreitet ist: der Wunsch nach Brot. Nun kann sicherlich nicht jeder täglich sein eigenes Brot herstellen. Er müsste dafür erst einmal alle Zutaten anbauen, um dann viel Zeit in das backen selbst zu investieren. Und alles nur, um am Ende ein bisschen Brot zu haben. Wäre es aber ein gute Idee, die Brotherstellung (also Anbau, ernten und bereiten der Zutaten, sowie das anschließende backen des Brotes) staatlich zu monopolisieren? Sicherlich nicht! Es gab sogar einige Staaten, in denen versucht wurde diesen wahnwitzigen Plan in die Tat umzusetzen und die Folge war immer, dass Brot knapp wurde. Aber wir kennen eine bessere Methode um Brot der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, nämlich den freien Markt. Dort erkennen ein paar findige Geschäftsmänner, dass es offenbar ein großes Interesse an Brot gibt und organisieren alles, um dies zu einem günstigen Preis zur Verfügung zu stellen. Dass dies auch wirklich günstig ist, garantiert die Konkurrenz. Wer einen Weg findet, die Brote noch effektiver herzustellen, kann den Preis senken. Das Resultat ist, dass Brot zu einem minimalen Preis für alle zur Verfügung gestellt werden kann.

Was hat das jetzt mit Recht zu tun? Recht ist im Prinzip nichts anderes als Brot. Es gibt eine Mehrheit der Bevölkerung, die ein Interesse an bestimmten Rechten hat. Dann werden sich auch ein paar clevere Geschäftsmänner finden, welche die Sicherung dieser Rechte übernehmen, indem sie die Rechtsbrecher jagen. Dabei werden sich die Rechtsagenturen durchsetzen, die dies am effektivsten und damit kostengünstigsten tun. Gleichzeitig werden sich auch einige wenige Rechte durchsetzen, die sich auf alle anwenden lassen. Einseitige Rechte, wie das Recht zu stehlen, sind dabei schlicht unökonomisch, weil die Garantierung eines solchen Rechtes, zum einen die Rechtsagentur in ein schlechtes Licht rücken und ihr damit einen starken Kundenverlust bescheren würde. Zum anderen gibt es aber auch noch andere Rechtsagenturen, die ihren Kundenvermutlich die Sicherung ihres Eigentums zugesichert haben, und diesen Vertrag auch wenn sie nicht vom Markt verdrängt werden wollen erfüllen müssen. D.h. für diese Rechtsagenturen wäre es existenznotwendig, sich in diesem Punkt durchzusetzen. Deswegen wäre eine Rechtsagentur, die ein Recht auf Diebstahl anbieten würde schnell am Ende.

Es gibt an dieser Stelle aber noch einen Einwand, den man machen könnte. Was ist, wenn eine Rechtsagentur nicht versucht über den Markt ihr Geld zu verdienen, sondern versuchen würde andere Rechtsagenturen mit Waffengewalt vom Markt zu verdrängen? Wenn ihr dies gelänge, wäre das schließlich sehr effektiv, da man als Monopolist, seine eigene kleine Diktatur einrichten könnte.

Dazu muss man sagen, dass man so einen Versuch sicherlich nicht zu 100% ausschließen kann, es aber sehr unwahrscheinlich ist, dass es dazu kommt.

Denn dieses Spiel ist sehr riskant. Die Rechtsagentur spielt ein alles oder nichts Spiel. D.h. wenn ihr Plan nicht gelingt, dann ist sie nicht nur Pleite, sondern die Anstifter auch mit Sicherheit tot. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieses Spiel gewinnt, nicht sehr groß, denn sie spielt ausschließlich auf eigene Kosten, die sehr begrenzt sind. Die Rechtsagentur müsste also, um eine Chance zu haben erst einmal materiell besser dastehen, als alle anderen Rechtsagenturen zusammen. Und sie müsste auch genügend Mitstreiter für diesen Plan organisieren, d.h. einen regelrechten Rückhalt in der Bevölkerung finden. Das wiederum setzt erst einmal eine massive Indoktrination der Bevölkerung voraus, da Herrschaft immer eine Legitimation braucht um auf Dauer funktionieren zu können. Wer so ein Machtspiel spielen möchte braucht realistisch gesehen einen fertigen Staat, den er sich unter den Nagel reißen kann. Denn nur in einem Staat kann er auf ein bereits monopolisiertes Militär zurückgreifen, welches er noch nicht einmal selbst zu finanzieren braucht und welches auch bereits in der Bevölkerung als Autorität anerkannt ist. So ist es kein Wunder, dass dies tatsächlich immer wieder in Staaten passiert. Die Gefahr, dass sich ein neuer, vielleicht brutaler Monopolist bildet ist also, wenn sich erst einmal ein Markt für Recht gebildet hat sehr gering. Sie ist in jedem beliebigen Staat, und sei dieser auch noch so Rechtsstaatlich sicherlich höher.

Wer das Recht staatlich monopolisiert, der hat schnell mit den gleichen Effekten zu kämpfen, die bei jeder Form von Planwirtschaft auftreten. D.h. Recht würde dann schnell (und dies ist ja auch die Realität) zu einem knappen Gut. Wer heute zu seinem Recht kommen will, der muß lange teure Prozesse in Kauf nehmen, an dessen Ende nicht einmal gesichert ist, dass er auch sein Recht bekommt ähnlich wie sich auch in planwirtschaftlichen Systemen lange Schlangen vor den Bäckereien gebildet haben, bei denen man nie sicher sein konnte, ob man am Ende noch etwas abbekam.

 

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